Über mich

Ich wurde 1983 in Kasachstan geboren. Mein Vater ist Musiker, pensionierter Busfahrer und Wolgadeutscher. Meine Mutter hat deutsche und russische Wurzeln und ist Klavierlehrerin. Nach dem Fall der Mauer nutzte meine Familie 1992 die Chance, als Spätaussiedler nach Deutschland zu kommen.

Meine Eltern sagten mir und meinen Brüdern immer, dass wir zurück in unsere Heimat gehen. Unsere Heimat war für uns Deutschland, obwohl wir dort nie gelebt haben. Weil meine Eltern sich als Deutsche fühlten, wollten sie, dass wir uns von Beginn an hier in die Gesellschaft einbringen. Schon wenige Tage nach der Ankunft knüpften sie Kontakte zur örtlichen Kirchengemeinde. Integration war das oberste Ziel meiner Familie in der neuen Heimat.

Ich erlebte damals eine große Offenheit. Zu Anfang waren wir in einem Ort an der Ostsee untergebracht und wurden sofort von den dortigen Anwohnern zum Essen eingeladen. Später kamen wir nach Thüringen in ein Dorf mit knapp 300 Einwohnern. Da haben die Bauern uns Kinder gefragt, ob wir mithelfen können, Kartoffeln zu setzen und die Tiere zu füttern, was uns große Freunde gemacht hat. Ich erlebte als Mädchen, was sich heute viele in der Integrationsdebatte wünschen. Ein offenes Land, das auf Zugewanderte zugeht, die den Willen aufbringen, sich zu integrieren.

Meine Mutter saß abends nach der Arbeit noch lange mit dem Deutsch-Lehrbuch in der Hand am Küchentisch. Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt. Wie meine Mutter dasitzt und die Sprache lernt, damit sie Teil der Gesellschaft werden kann. Auch ich lernte schnell die Sprache. Einen großen Einfluss auf mich hatte eine ältere Frau aus der evangelischen Kirchengemeinde, mit der zusammen ich oft Kartoffeln in der Küche schälte, Löwenzahn für die Kaninchen sammelte und die mit mir die neue Sprache sprach.

Meine Eltern fanden schnell einen Job und konnten sich ein Zuhause mieten und das beengte Zimmer im Aussiedlerheim verlassen. Mein Vater nahm eine Stelle als Busfahrer an und meine Mutter hatte mehrere Minijobs bis sie eine Einstellung als Klavierlehrerin fand. Meine Eltern haben sich über ihre schwierige ökonomische Situation niemals beklagt. Sie wollten sich nicht beschweren, sie wollten einfach nicht auffallen und haben alles gemacht, damit es uns Kindern gut geht. Ich wollte es aber nicht hinnehmen, dass die harte Arbeit meiner Eltern, sich nicht auszahlt.

Als ich älter wurde, kam es immer wieder zu Diskussionen mit meinen Eltern. Ich wollte mich nicht damit abfinden, dass sich meine Eltern trotz harter Arbeit nicht die gleichen Dinge leisten konnten wie die Eltern vieler meiner Schulfreunde. Ich wollte aber vor allem nicht akzeptieren, dass ich als Tochter von Spätaussiedlern weniger Chancen in Deutschland haben soll. Obwohl ich immer wieder von Lehrern gesagt bekam, ich solle doch mit einem niedrigeren Schulabschluss zufrieden sein, setzte ich mich immer wieder gegen Widerstände durch. Ein großer Teil meines Freundeskreises schaffte den Sprung von der Gesamtschule aufs Gymnasium und ich wollte nicht von ihnen getrennt werden. Das war für mich ein großer Ansporn, mich nicht entmutigen zu lassen.

Nach dem Abitur folgte ein Jahr Au-pair in den USA, um meine englische Sprache zu verbessern, mit der ich in der Schule stets zu kämpfen hatte. Dort lebte ich in einer reichen Familie. Ich weiß noch, wie fassungslos ich darüber war, was ich dort erlebt habe. Viele reiche Familien, die ich dort kennengelernt hatte, hatten so viel Geld und alle Möglichkeiten, aber die Familien waren oft kaputt. Es fehlte an Liebe, Respekt und Verständnis füreinander. Erst da habe ich so richtig begriffen, dass materieller Reichtum nicht glücklich macht.

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Als ich aus den USA zurückkam, hatte ich mich verändert. Ich hatte mehr Verständnis für das, was meine Eltern aufgebaut haben: ein harmonisches Zuhause mit stabilen Verhältnissen und guten emotionalen Beziehungen untereinander. „Ich habe verstanden, welchen Wert das gute Zusammenleben hat.“ Spiegelberg-Kamens entwickelt ein neues Verständnis vom Miteinander. Ein friedliches Zusammenleben in der Gemeinschaft und der Aufstieg von unten nach oben. Beides zusammen zu denken, ist mein politisches Programm.“

Ich engagierte mich in der Malteser Jugend, in Altenpflegeeinrichtungen, in der Studierendenvertretung, in der SPD und wurde Gewerkschafterin. Ich setze mich für menschenwürdige Arbeitsbedingungen ein und bemühe mich um mehr kulturelle Angebote, die Gemeinschaft stiften. „Manchmal ist so ein Ort der Begegnung einfach nur die Dorfkneipe, die man erhalten muss. Manchmal ist es ein Verein oder ein Stadtfest. Aber es braucht die Möglichkeit, sich zu begegnen, damit eine Gesellschaft zusammenwachsen und zusammenhalten kann.“

„Ich möchte keine Ellenbogen-Gesellschaft, in der es nur um Profit geht. Reichtum allein macht nicht glücklich. Ich möchte eine solidarische Gesellschaft, in der man ohne Existenzsorgen leben kann, in der man aufeinander achtet und einander vertraut. Das ist mein Traum von Deutschland.“

Text angepasst. Zuerst erschienen auf: https://www.spd-hessen.de/viktoria-spiegelberg-kamens/


Das Interview ist im Roten Faden 01-2018, herausgegeben von der  SPD Eschhofen.